Tabubruch auf dem Meißnerlager

Beim Jubiläumslager auf dem Hohen Meißner im Oktober 2013 war auch der Arbeitskreis Tabubruch mit einem eigenen Zentrum vertreten, um die Problematik der sexualisierten Gewalt in Jugendgruppen offen und für alle sichtbar zu thematisieren.
 

Der Weg des Arbeitskreises TabuBruch

Hinsehen. Zuhören. Ansprechen.
100 Jahre Jugendbewegung! Ein Jubiläumsfest! Feierstimmung! Feierstimmung?
Ein Blick auf die Schattenseiten unserer Bewegung muss erlaubt sein – dachten wir uns, die wir uns zum Teil von den Vernetzungstreffen „Schatten der Jugendbewegung“ der Bildungsstätte der Burg Ludwigstein kannten.
Wir wollten an einem solchen Meilenstein nur teilnehmen, wenn sich die Bünde dem Thema Prävention sexueller Gewalt offen stellen und wenn über sexuelle Gewalt in den Bünden offen gesprochen und informiert wird.
Aufbruch
Auf der Bundesführerversammlung im März 2012 in Lüdersburg entstand so ein Arbeitskreis, der sich bald mit dem Namen TabuBruch identifizierte.
Erste Ideen wurden gesammelt, beim Brainstormen mit Worten gespielt, fröhliche Interaktionsspiele konzipiert. In unserer dynamischen Kreativität wurden wir uns flink einig, dass unsere Beiträge zum Meißnerlager eine teils informativ-aufrüttelnde, teils spielerisch-spaßige Mischung aus festen Installationen, einer zentralen Ausstellung als Sammelpunkt und einiger dezentraler Ausstellungsobjekte im Lagergrund, aus Programmpunkten mit inhaltlicher Auseinandersetzung und Mitmach-Aktionen werden sollte.
So wollten wir Täterstrategien „auffliegen lassen“, historische Fälle wie die von Gustav Wyneken „aufdecken“ und Hans Blühers ‚pädagogischen Eros‘ „zu Grabe tragen“. Ideen von Flashmobs auf dem Lager, einer Ausstellung bestehender Präventionskonzepte, einer Bibliothek von Fachliteratur und das Verteilen von Visitenkarten wurden geplant.
Weggefährten
Gemäß der bündischen Schwankung war die Zahl der Mitarbeitenden auf den folgenden Bundesführerversammlungen mal größer und mal wieder kleiner. Es bildete sich auf der BfV in Immenhausen ein fester Kern: Holger Specht, Deutscher Pfadfinderbund (DPB); lis, Annika Jakobi (Wandervogel Uelzen); mali, Benjamin Ehlers, und Mutti, Carolin Dominka, Deutscher Pfadfinderbund Hamburg (DPBH); Lena, Deutscher Pfadfinderbund (DPB); Michael Vogels, graue jungenschaft
Wir erarbeiteten einen Krisenplan und den Verhaltenskodex* für das Meißnerlager, die auf der Bundesführerversammlung am 4.2.2013 beschlossen wurden. Das gab uns die Sicherheit zur Gestaltung des Zentrums TabuBruch. Jetzt konnten wir unserer Kreativität wieder freien Lauf lassen und unsere Aktionen planen. Jetzt war es klar: Wir konnten ein Zentrum TabuBruch gestalten und damit war die Voraussetzung für die „Tabubrechergeschaffen, auch auf dem Lager aktiv ein Zentrum zu gestalten. Eine weitere Grundlage für die Wahrnehmung unseres Kreises war die Idee von unserem Erkennungszeichen, das kurz darauf Wirklichkeit wurde: Andy von der ej horte entwarf uns ein Logo – Die drei Affen: ‚Hinschauen, hinhören, ansprechen‘ stehen seitdem für Tabus, die es zu brechen gilt.
Als Zentrum auf dem Meißner 2013
Auf dem Lager konnten wir mit unseren zahlreichen Angeboten überzeugen:

  • mit dem Verhaltenskodex, der über Plakate in jedem Dixi und mittels Visitenkarten jedem zugänglich war.
  • mit unserer Ausstellung* in der Jurte, die anhand von Tafeln und Fachliteratur einen Überblick über das Thema „sexuelle Gewalt“, Begrifflichkeiten, Präventionsprojekte und bestehende Interventionskonzepte – das „positive Netzwerk“ – aus den Gruppen der Jugendbewegung gab und täglich rund um die Uhr besucht war.
  • mit der EXHIBITIONist*, eine wandernde Ausstellung in Mänteln. Hier konnten z.B. Bilder nach männlich oder weiblich und Fotos von bündischen Szenen oder Begriffe nach „Go“ oder „No Go“ sortiert und so Denkanstöße zu grenzverletzendem Verhalten erlangt werden.
  • mit der Sex-Umfrage, an der über 300 Lagerteilnehmende anonym ihre sexuellen Vorlieben und Erfahrungen kundgetan haben und so Sexualität besprechbar und sexuelle Vielfalt sichtbar gemacht haben.
  • mit den Ausstellungskisten* zum spielerischen „Aufdecken“ von versteckter Diskriminierung und sexistischem Verhalten, zum Zusammenhang zwischen sexualisierter Atmosphäre und Missbrauch, zu der Aufarbeitung von historischen Fällen in der Jugendbewegung wie Hans Blüher und Gustav Wyneken, sowie zu den Rechten der Kinder und Jugendlichen usw.,
  • mit einer Vielzahl von persönlichen Informations- und Beratungsgesprächen, davon etliche Stunden, die im Zusammenhang mit 12 konkreten Fällen stehen,
  • mit unserem TabuTalk, den täglichen Aua-hours „Wir schauen eine Stunde lang dorthin, wo es weh tut!“ zu verschiedenen Themenbereichen z.B. über die aktuellen Gerichtsprozesse oder „Schweigen hilft den Falschen! Wie können Schwierigkeiten überwunden werden, die Betroffene und Mitwisser haben um Helfende anzusprechen?“ und „Die Täter und Täterstrategien“ in einer überfüllten Jurte mit bis zu 120 Interessierten.

Und darauf können wir alle stolz sein. Denn der Resonanzboden für den TabuBruch war vorhanden, in jeder Schwester und in jedem Bruder auf dem Lager.
Natürlich, und auch darauf waren wir vorbereitet, wurden zum Teil auch schon im Vorfeld Fälle an uns herangetragen, die eine Bearbeitung erwarteten. Damit konnten wir weitestgehend professionell umgehen.
Erfolge
Das Thema “sexuelle Gewalt” ist in der Mitte des bündischen Lebens angekommen! Schließlich waren es die Bundesführerinnen und Bundesführer der vorbereitenden Bünde, die zugestimmt haben, dass wir einen Krisenplan auf dem Meißner haben und wir als TabuBruch dort stehen dürfen. Das hat bereits gewirkt und auch die Resonanz auf unsere Angebote auf dem Lager hat gezeigt, dass wir Bündischen weitaus offener über sexuelle Übergriffe sprechen können, als noch vor ein paar Jahren. Wir können – schon fast ganz selbstbewusst – behaupten, dass wir uns im Wissen um unsere Geschichte der Zukunft stellen und nachfolgenden Generationen mehr Schutz vor Übergriffen bieten wollen.
Mit das Wichtigste und vor allem Bleibende von TabuBruch sind die Ausstellungsobjekte (Kisten, Mäntel, Sortierereien, Bücher, Folien), die auf ganz spielerische Art und Weise allen Altersgruppen das Thema näher bringen. Sie sind ein enorm niedrigschwelliges, leicht wahrzunehmendes Angebot und eignen sich für Singewettstreite, Lager oder andere bündische Veranstaltungen. Zur Zeit lagert sie auf Schloss Martinfeld. Jeder im AK TabuBruch kann die Ausstellung nutzen und sollte sie betreuen können, zum Beispiel auf eigenen Lagern oder auf Singewettstreiten. Jetzt sind wir “TabuBrecher” vom Meißner dazu bereits in der Lage. Andere werden diesen Kreis hoffentlich erweitern…
Wie weiter?
TabuBruch kann aus unserer Sicht ein Netzwerk werden, das für den Austausch von Bemühungen, von Konzepten und aktuellen Fällen zwischen den Bünden sorgt. Beim AK TabuBruch kann es sowohl Menschen geben, die sich dem Kreis verpflichtet fühlen und so etwas wie den “harten, stabilen Kern” bilden, aber auch welche, die nur ein, zwei Mal vorbei schauen, um sich zu informieren. Dazu solle es einmal im Jahr ein überbündisches Treffen zum Netzwerken und Kommunizieren geben. Das könnte der Kreis der TabuBrecher werden.
Auf zu neuen Zielen!
Und im Zusammenhang mit dem Meißner-Lager ist klar: Wir als bündische Jugend, sofern es sie gibt, haben was zu geben. Das sollten wir unbedingt erhalten. Wir sind bereits gut aufgestellt. Doch wir müssen noch besser, noch klarer – noch einiger – werden. Schauen wir mal, wie uns das gelingt.

Lena Knote und Holger Specht

 


Im Rahmen der phoenix-Reportage „Bewegte Jugend – 100 Jahre freideutscher Jugendtag“ ist auch ein Interview mit Holger Specht als Koordinator des Zentrums Tabubruch entstanden:

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